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Armut in Deutschland oder auch: Hartz IV

hartzlogo Da mich dieses Thema schon länger beschäftigt und eigentlich jeden beschäftigen sollte, werde ich mich heute ein wenig über das ungerechte und unsoziale Deutschland auslassen.

In der Badischen Zeitung vom Samstag (21. Juni 2008), beschäftigte man sich mit dem Artikel „Wer ist arm im reichen Deutschland“ und auch Anne Will hat sich in ihrer Sendung vom 25.05. „Hungern muss hier keiner – Ein Land redet sich arm“ (hier) mit dem Thema befasst. Auf der Website kann mich sich übrigens die ganze Sendung ansehen, es lohnt sich.

Es heißt immer, dass Deutschland ein Sozialstaat ist und dass man die Arbeitslosen von der Straße haben will. Vor allem aber heißt es, dass seit Angela Merkel als Bundeskanzlerin und der CDU die Arbeitslosenquote ja drastisch zurückgegangen sei. Hier sei kurz angemerkt, dass es sich um absolut falsche Zahlen handelt. In dieser Statistik werden auch die Leute mit eingebunden, die vom Arbeitsamt „Maßnahmen“ machen müssen. In der Statistik gelten sie dann nicht mehr als arbeitslos, obwohl sie natürlich nach wie vor Geld von der Agentur für Arbeit oder der Arbeitsgemeinschaft beziehen. Diesen Zahlen sollte man keineswegs blind trauen.

hartz_iv_karikatur02 Früher war ich immer der Meinung, dass Hartz IV-Empfänger meist „durch die Bank“ Schmarotzer sind. In Wahrheit habe ich mich aber nie mit dem Thema befasst. Ich habe nur depressive Leute gesehen, die meiner Meinung nach ihr Schicksal selbst zu verantworten haben. Heute kann ich mir nur an den Kopf fassen und mich fragen, wie ich nur eine solche Einstellung haben konnte.
Es gibt wirklich viele Vorurteile gegenüber den arbeitslosen Menschen in Deutschland die Hartz IV beziehen. Sprüche wie: „Ihr bekommt ja genug Hartz IV! Wir gehen 40 Stunden die Woche arbeiten und haben immer noch weniger Geld. Da würde ich ja lieber auch nicht mehr arbeiten gehen!“
Dann gibt es die, die wirklich nicht arbeiten gehen wollen, aber das hat oft auch ganz andere Gründe. Nicht, weil ihnen der nötige Antrieb fehlt, sondern weil sie unter Umständen für einen wirklichen Hungerlohn arbeiten müssten. Viel Geld bekommen Hartz IV-Empfänger übrigens nicht. Da sollten sich die Erwerbstätigen mal erkundigen, bevor sie so etwas sagen…

Ein Beispiel:
Die 20-Jährige Karin B. aus Karlsruhe hat ihre Lehre beendet. Sie verdiente im Schnitt (3. Lehrjahr) nur knapp € 450,00 brutto, da sie einen Beruf erlernt hat, der nicht sehr gut bezahlt wird. Ihr Chef will sie nicht weiter übernehmen und sie muss sich natürlich dringend einen neuen Job suchen und bewirbt sich fleißig.
Karin B. hat einen Freund, Thomas A., welcher seit 1 1/2 Jahren Hartz IV bekommt. Thomas ist gewiss nicht faul, im Monat bringt er bis zu 20 Bewerbungen raus, manchmal mehr, manchmal weniger.
Da Thomas und Karin ein Paar sind, gab Thomas bei der Hartz IV Antragsstellung an, dass er mit Karin (die bis dato noch Azubi war) eine Beziehung hat und somit in einer „Bedarfsgemeinschaft“ lebt. Thomas wäre nie auf die Idee gekommen die ARGE (Arbeitsgemeinschaft) anzulügen, immerhin wohnen er und Karin zusammen in einer Wohnung. Ach und was man doch nicht alles hört: „Wenn ihr lügt, kommen die vorbei und machen Hausdurchsuchung! Es können strafrechtliche Folgen
drohen, wenn die ARGE dahinter kommt, dass ihr ein Paar seid! Seid lieber ehrlich“.
Dies gilt übrigens auch für gleichgeschlechtliche Paare. Da Thomas kein Risiko eingehen wollte, war er ehrlich.

Karin stellt sich auf die Arbeitslosigkeit ein und ist irgendwie froh, dass sie ein Jahr ALG I statt sofort Hartz IV bekommen würde. Sie rechnet ihr Arbeitslosengeld im Internet aus. Ihr bleibt das Herz stehen, als sie das Ergebnis ihrer Berechnung sieht: € 210,30. Sie fragt sich, wie sie Thomas davon ihren Mietanteil bezahlen soll und sich zusätzlich noch ernähren soll. Sie lässt sich von Experten beraten die ihr sagen, dass sie zu dem ALG I kein Wohngeld beantragen könne, da ALG I + Wohngeld noch unter dem Hartz IV Regelsatz wären. Wenn sie nicht verhungern will, sollte bzw. muss sie sofort einen ALG II Antrag stellen. Karin ist also frisch aus der Ausbildung und rutscht unfreiwillig in Hartz IV.

Karin bewirbt sich weiter und weiter und hat einige Vorstellungsgespräche gehabt. Plötzlich hat sie Erfolg und jemand möchte sie einstellen. Brutto würde sie € 1.500,00 verdienen.
Hier kommen wir nun zu einem paradoxen Ergebnis. Wenn Karin diese Stelle annimmt, bekommt Thomas nur noch € 0,00 Hartz IV – also gar nichts. Begründung: Karin verdient. (Ihr Auszubildendengehalt blieb damals wegen der Geringfügigkeit unberücksichtigt). Dass Karin jetzt aber nur knapp € 1.048,00 (netto) bekommen würde und davon ihre Versicherungen, die Miete, Nebenkosten, Verpflegung und zusätzlich noch für Thomas aufkommen muss, sieht hier niemand. Thomas wäre nicht einmal mehr bei den Krankenkassen versichert, sodass Karin das auch bezahlen müsste. Thomas hätte absolut keine Mittel, seinen Lebensunterhalt mehr zu finanzieren.
Karin, die eine 40-Stunden-Woche hätte, geht plötzlich für einen Hungerlohn arbeiten. Da könnte Karin doch gleich arbeitslos bleiben.
Das ist der Grund, warum jemand der einen Hartz IV-Empänger als Partner hat, lieber auch arbeitslos bleiben will. Nicht, weil er nicht arbeiten will, sondern weil er umsonst arbeiten würde.
Wo bleibt hier die Gerechtigkeit?
Thomas erinnert sich, dass er damals bei Antragsstellung die „Bedarfsgemeinschaft“ angegeben hat. Hätte er das nicht getan, gäbe es heute kein Problem.

hartz_stop Hier gilt der Spruch: „Der wird bestraft, der arbeitet“. Und da fragt man sich wirklich, ob Deutschland, der Sozialstaat, tatsächlich will, dass die Arbeitslosenquote zurückgeht, dass Vollbeschäftigung erreicht wird. Wenn sich Karin gezwungen sieht, arbeitslos zu werden, damit sie und Thomas überleben, kann das nicht im sozialen Interesse sein. Absolut nicht.
Es ist klar, wenn jemand € 2.000,00 netto verdienen würde oder sogar mehr, für seinen Partner aufkommen soll. Aber bei einem Nettogehalt von knapp € 1.000,00, wo die ganzen Abzüge noch nicht miteinbezogen sind, ist das unannehmbar. Vielleicht bleibt Karin am Ende auch gar nichts mehr. Sie arbeitet 40 Stunden in der Woche für vielleicht € 100,00 – € 200,00, die sie dann noch zum Leben hätte. Hier muss man Einkäufe berücksichtigen, die Verpflegung der Haustiere und alles was sonst noch anfallen kann.

Was könnte Karin tun?
Sie könnte den Job annehmen und sich eine eigene Wohnung suchen. Sie geben bei der ARGE an, die Bedarfsgemeinschaft aufgelöst zu haben.
Karin will sich von Thomas aber nicht „Scheintrennen“. Außerdem besitzen die beiden alles gemeinsam. Sie haben Haustiere, gemeinsame Haushaltsanschaffungen – das wäre ein Unding.

Karins Fall ist kein Einzelfall. Öfter sieht man im Fernsehen Reportagen über GROß-Familien, die mit € 100,00 (!) in der Woche auskommen müssen. Meistens werden die Kinder und auch die Eltern dick, weil sie sich nur billiges Fastfood leisten können und wenn die Kinder Schokolade sehen, fragen sie sich, wie sie wohl schmeckt, weil die Eltern ihren Kindern keine Süßigkeiten kaufen können.

Sozialstaat Deutschland? Aber klar.
Es ist richtig: Dass wir eine Grundsicherung haben, wenn wir arbeitslos werden, ist hartz_iv01 super. Aber wir bekommen nicht die nötige Hilfe, um aus diesen Sumpf wieder rauszukommen, im Gegenteil. Man wird gezwungen sich der Arbeitslosigkeit des Partners anzuschließen und trotzdem muss man sich bewerben und dann noch angst haben, einen Job zu finden. Bewirbt man sich nicht, kürzt die ARGE das Geld und stellt die Zahlung am Ende ganz ein. Wir wollen alle arbeiten, wir wollen was tun, aber wenn wir das tun, wird einer bestraft: Der Partner. Egal wie rum man es sieht. Hätte Thomas einen Job bekommen und Karin wäre arbeitslos, würden wir dasselbe Spiel spielen.

Um auf die BZ zurückzukommen:
„Wer ist bedroht? – Armutsrisiko 2005 nach Bevölkerungsgruppen“

Arbeitslose = 53 %
Alleinerziehende = 36 %
16 – 24 Jahre = 28 %
bis 15 Jahren = 26 %
Ostdeutsche = 22 %
Frauen = 21 %
25 bis 49 Jahre = 17 %
Westdeutsche = 17 %
Männer = 16 %
59 – 64 Jahre = 14 %
Erwerbstätige = 12 %

Eine interessante Grafik, dachte ich. 53 % der Arbeitslosen sind von der Armut bedroht. Diese Statistik bezieht sich auf 2005. Mittlerweile kann es noch schlimmer aussehen.
Alleinerziehende mit 36 %, jedoch noch mit einem etwas größeren Abstand. Das Frauen (21 %) eher von der Armut als Männer (16 %) bedroht werden, wundert mich nicht. Die neusten Entwicklungen zeigen, dass Frauen beruflich nach wie vor benachteiligt werden und vor allem immer noch weniger verdienen.

hartz_armut Dass Deutschland ein reiches Land sein mag: Vielleicht. Aber die Schattenseiten sieht keiner.
Es gibt so viele Leute die nicht wissen, was sie mit ihrem Geld machen sollen. Wenn ich im Geld baden würde, würde ich mich vielleicht gemeinnützig einsetzen. Beispielsweise gibt es da die Tafel, wo Zweite-Wahl-Lebensmittel zu absolut niedrigen Preisen verkauft werden. Warum soll man nicht mehr in dieser Richtung tun? Wenn alle(!) Reichen in Deutschland einer Stiftung angehören würden, die die Grundsicherung ein wenig mit sichern, wo aus einem riesigen Pott ein paar Gelder in das Arbeitslosengeld fließen würden – wäre das nicht nett? Viele, die Geld wie Heu haben und nicht wissen was sie damit noch tun sollen, könnten wirklich helfen. Aber das ist Deutschland: „Mir hilft auch keiner, warum soll ich dann helfen?“
So ist aber nicht nur Deutschland: Das ist die Grundeinstellung der Menschen und teilweise leider auch zurecht.

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Kategorien:Bürokratie
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. 26/09/2008 um 7:46 pm

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