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(Un)soziale Netzwerke

Es existieren viele Menschen, nicht nur einer oder zwei, sondern eine riesige Masse Fleisch, Wasser und Blut, die auf den Kontinenten der Welt verstreut leben. Und doch hat man meistens nur einen wirklichen besten Freund. Aber wie ist das in der heutigen Zeit? Gibt es die wahre Freundschaft und die wahre große Liebe noch?

Meiner Meinung nach existiert dies nur noch in den Träumen der Menschen. In einer Welt die beinahe schon digitalisiert ist und jeder einem anderen eine Freundschaftsanfrage schicken kann, obwohl man nur zwei Worte oder gar nie mit dieser Person gesprochen hat, kann es die wahre Freundschaft nicht geben. Man ist so sehr damit beschäftigt seine digitalen Freundschaften zu pflegen, dass man die Menschen, die man anfassen kann, vernachlässigt. Die ganze digitale Pflege kostet viel Zeit, Zeit die man neben seinem realen Leben nicht hat. Morgens steht man früh auf und geht zur Arbeit und abends checkt man schnell, ob man neue Kommentare auf seiner Pinnwand hat oder gar neue Freundschaftsanfragen.

Ja, eigentlich ist das doch ein tolles System. Freunde, die man schon ewig nicht mehr gesehen hat, fügen dich plötzlich als Freund hinzu und du freust dich, endlich den einen oder anderen Freund wiedergefunden zu haben. Im besten Fall wird kurz gechattet. Dabei wird ein bisschen Smalltalk geführt bei dem es meistens um den Werdegang in Kurzform geht. „Was hast du all die Jahre so gemacht? Wo arbeitest du jetzt? Lebst du in einer Partnerschaft?“

In kurzen Sätzen erzählt man, was man in einem Zeitraum von 10-15 Jahren gemacht hat – als ob man das in zwei Sätzen zusammenfassen könnte! Niemand erzählt von den Schattenseiten, denn das will der neue digitale Freund nicht wissen. Dafür kennt er dich in digitaler Form zu wenig. Und man sagt, wo man arbeitet, und schon hat der andere ein genaues Bild davon, was aus dir „persönlich“ geworden ist. Ist man arbeitslos, gilt man als depressiv, weil man es innerhalb von 10-15 Jahren nicht auf die Reihe bekommen hat, einen Job zu finden, auch wenn man vor zwei Jahren mal gearbeitet hat und vor 5 Jahren ebenfalls schon einmal. Und wenn man erzählt, man sei in einer Partnerschaft, fragt man sich anschließend, warum das wichtig zu wissen ist.

Einer der beiden Chatpartner ist möglicherweise gesprächsbereiter, während der andere nur denkt, wann die Erzählungen bzw. diese Floskeln der Höflichkeit endlich ausgetauscht sind und man das Chatfenster wieder schließen kann. Tja, was könnte man noch für Fragen stellen?

Und dann ist Funkstille. Wundert einen das? Nein. Denn es hat einen Grund, warum der Kontakt abbrach und nie einer der beiden versucht hat, den anderen zu kontaktieren. Häufig ist es sogar so, dass du nicht einmal im realen Leben viel mit diesem Menschen gesprochen hast und im Chat erzählst du plötzlich, dass du in einer Partnerschaft bist und bald Geschäftsführer einer Müllfabrik wirst.

Eigentlich müsste der Button in sozialen Netzwerken nicht „Freunde“ sondern „Bekanntschaften“ heißen. Oder warum nicht gleich ganz kategorisieren? „Einmal ein Blick ausgetauscht“ oder „Kenn ich vom Hörensagen“ oder „Irgendeiner, der mir mal zu gewunken hat“ oder vielleicht „Der Freund eines Freundes der dessen Freund ist“. Aber psychisch gesehen, glauben labile einsame Menschen, wenn sie 100 Freunde haben, dass sie etwas in der Welt bedeuten oder sogar beliebt sind. Doch zum Geburtstag gratulieren vielleicht nur eine handvoll Freunde auf deiner Pinnwand. Sie rufen dich nicht an oder besuchen dich, sie schreiben nicht mal mehr eine SMS. Es ist einfacher etwas auf einer Pinnwand zu hinterlassen. Es werden keine Geburtstags- oder Weihnachtskarten verschickt, weil es da doch dieses lustige Bild gibt, das man auf die Pinnwand platzieren kann. Geburtstage werden fast auch nicht mehr vergessen, weil das soziale Netzwerk dich daran erinnert oder du zufällig siehst, wie jemand deinem Freund gratuliert. Hach, bin ich nicht ein guter Freund, dass ich an deinen Geburtstag denke?

Ist das traurig? Ach was, nein. So ist das doch heute!

Wäre das nicht genug, muss man sich auch noch mit dem realen Leben auseinandersetzen. Freunde die keine sind und nur am rumheucheln sind. Wer kennt das nicht? Man befindet sich in einer angeblichen Freundschaft, aber schreibt sich nie oder ruft auch nicht an. Und dann sieht der andere, dass du gerade „online“ bist, obwohl du auch im realen Leben „online“ bist, wenn du nicht gerade fast tot auf dem Boden liegst. Er schreibt dich an. „Hey, lange nicht gesehen! Wie geht’s dir?“ Als ob das den Freund interessiert. Und man antwortet und fragt im Gegenzug. Die Antwort übrigens beschreibt nur den aktuellen Gemütszustand. Wie man sich gestern oder vor einer Woche fühlte, wird ausgelassen. Man muss sich schließlich kurzhalten, damit sich dein Gegenüber nicht langweilt.

Und dann heißt es: „Man. Wir müssen uns unbedingt mal wieder treffen. Gespräche mit dir fehlen mir!“ Die digitale Unterhaltung ist vorbei und man hört wochenlang nichts mehr von seinem Freund, den man zufällig im realen Leben auch kennt. Heuchler.

Soziale Netzwerke sollen Menschen zusammenbringen, aber sie reißen sie eigentlich nur auseinander. Die Grundidee ist gut, denn weil man keinen realen Kontakt mehr zu seinen Freunden hat, weiß ich wenigstens, was er gerade macht: Spielen, Musik hören, Gefällt mir drücken bei „Bier für € 0,30“. In Wahrheit sind wir einsamer als zuvor und so wird unsere Zukunft aussehen. Wir werden bald keinen mehr „riechen“ und in den Arm nehmen. Da wird nur „geknuddelt“ und man soll sich einbilden, wie sich das wohl anfühlt. Küsschen werden ebenfalls nur noch bildhaft zugeworfen. Und gezwinkert wird längst nur noch mit Smilies – und wehe du verwendest keine Smilies – dann bist du schlecht gelaunt.

Auch die Liebe leidet unter dieser digitalen Welt. Man sitzt da und sucht nach den coolsten Apps oder man spielt ein neues Spiel, welches es im Markt gerade umsonst gibt – das ist die Sucht nach Mehr. Und wenn man im Urlaub ist, verläuft man sich nicht, weil man schließlich ein App hat, das dich an das Ziel bringt. Die Angst und das Abenteuer gibt es nicht mehr. All die kleinen Momente, an die man sich nach Jahren gern zurückerinnert, so wie ich, als ich in Köln meine Straßen- und Eventkarte verloren habe, wo alles mühevoll aufgeschrieben stand und daraus eine interessante ungewisse Fahrt zu unseren Zielen wurde. Und das Beste: Ich war nicht damit beschäftigt zu gucken, was meine „Freunde“ gerade machen.

All das scheint schneller zu gehen und besser, vielleicht sogar (nicht) umständlicher zu sein, aber es bringt Opfer. Die Opfer sind die Freunde, die du schon kanntest, bevor du dich mit dem Internet gepaart hast. Wir können von uns nicht behaupten ein Freund von jemand zu sein, wenn wir diese Freundschaft nicht pflegen und glauben, wir haben doch genug im sozialen Netzwerk.

Wann hast du deinen Freund das letzte Mal besucht? Wann hast du ihn das letzte Mal angerufen und ein langes Gespräch mit ihm geführt? Wenn du jetzt „Ääääh“ sagst, dann weißt du, was du falsch machst.

Soziale Netzwerke gut und schön, aber vergisst nie, dass ihr lebt. Der digitale Freund kann dir keine Schulter zum anlehnen geben, der wahre reale Freund schon. Er ist es, der dir einen heißen Kaffee anbietet, wenn du ihn besuchst. Der digitale Freund kann das nicht.

Und wenn du weinst, kann er dich besser trösten. Und wenn du lachst, lacht er mit und weil er das tut, lachst du noch herzhafter. Ein schönes rotes verzerrtes und kein gelbes Gesicht, das nicht annähernd so aussieht wie du.

 Bedarf dies einer Fortsetzung? …

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